(30) Die früheste Kapitalpartei

4. Die Herkunftsfigur kapitalistischer Endlosigkeit von Cusanus bis zur Industriellen Revolution / Zweiter Teil – Die historische Besonderheit des Kapitals im Allgemeinen

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Nachdem ich in der vorigen Notiz so viel zur Vorgeschichte des Kapitalismus in England geschrieben habe, ist es angebracht, meine Überlegungen mit der Darstellung von Marx zu vergleichen. Mein Gesichtspunkt war ein anderer als der Marxsche gewesen, er setzt aber das, was Marx geschrieben hat, voraus und stellt eine, wie ich glaube, notwendige Ergänzung dar. „Die sog. ursprüngliche Akkumulation ist […] nichts als der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel“, ist die erste Aussage im berühmten gleichnamigen Kapitel („Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, in: Das Kapital, Erster Band, MEW 23, S. 741 ff., hier S. 742). Wir haben gesehen, die Formulierung „ist nichts als“ geht zu weit, denn sehr wohl ist die Entstehung von Kapitallogik mehr, und Marx selber weiß das genau; den „Scheidungsprozess“ hat es verschiedentlich in der Weltgeschichte gegeben, ohne dass Kapitalismus folgte. Kapitalismus konnte vielmehr nur da entstehen, wo der Staat begünstigend eingriff, und das geschah nur da, wo er sich einer intellektuellen Reform unterzog. Diese intellektuelle Reform war mein zusätzlicher Gesichtspunkt gewesen; er schien mir wichtig, weil  a u c h  d i e  Ü b e r w i n d u n g  des Kapitalismus ohne intellektuelle Reform des Staates nicht statthaben kann.

Die Marxsche Formulierung ist mindestens interpretationsbedürftig. Wenn man sie so liest, dass der „Scheidungsprozess“ unumkehrbar sein und die ganze Gesellschaft erfassen musste, oder dass nicht irgendeiner der Scheidungsprozesse, die es schon vor dem englischen Fall gegeben hatte, sondern nur der „historische“ zur Debatte steht, der die Bedeutung hatte, den Kapitalismus auf die Spur zu setzen, kann sie immerhin durchgehen. Zumal in der Ausführung dann doch hervorgehoben wird, dass Staatsbegünstigung erforderlich war. Marx schreibt im Grunde schon dasselbe wie Foucault: „So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert“; er setzt freilich hinzu, dass Staatszwang allein nicht genüge. Denn noch wichtiger sei der „stumme[.] Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (S. 765). Ungeachtet dessen erfahren wir über die Staatsrolle sogar sehr viel. Die „Ursprünglichkeit“ des Kapitals in ihrer ganzen historischen Breite umfasst etliche Länder und „verschiedne Momente“, als welche Marx „Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, moderne[s] Steuersystem und Protektionssystem“ benennt, wie sie in England am Ende des 17. Jahrhunderts nur quasi „systematisch zusammengefasst“ werden (S. 779).

Ich will wenigstens das erste „Moment“ illustrieren: Schon die Kolonisierung Amerikas durch Spanien und Portugal „ging […] über die Hilfsmittel der Krone hinaus. Die Herrscher mussten dem Wagemut und dem Gewinnstreben des privaten Unternehmertums eine verlockende Chance geben. Sie übertrugen demjenigen, der auf eigene Kosten militärische oder kolonisatorische Expeditionen übernahm, neben anderen Vergünstigungen wichtige Funktionen der öffentlichen Gewalt.“ Das begann buchstäblich mit Kolumbus, also im Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert, und man sieht hier deutlich, wie der Staat sich, in seinem Selbstverständnis, nur „feudaler Mittel [bediente]“. (Richard Konetzke, Die Indianerkulturen Altamerikas und die spanisch-portugiesische Kolonialherrschaft, Frankfurt/M. 1965, S. 114 f.) Dem vorgezeichneten Muster folgten später Unternehmen wie die East India Company, die ihrerseits zum Vorbild der noch späteren, nun voll privatisierten Aktiengesellschaften wurden. „Solche Unternehmungen zugleich, die früher Regierungsunternehmungen waren, werden gesellschaftliche“, schreibt Marx (MEW 25, S. 452).

Ganz gewiss ist es einseitig, wenn er behauptet, präkapitalistische Kräfte in den beteiligten Ländern hätten die Staatsmacht dazu „benutzt, […] den Verwandlungsprozess der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen“ (MEW 23, S. 779). Denn es war umgekehrt, es fing eher damit an, dass die Staatsmacht die präkapitalistischen Kräfte benutzte. Wie dem aber auch sei, ist es jedenfalls dieser Kontext, aus dem heraus man erst den Sinn der nachfolgenden, sehr bekannten Sätze versteht: „Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“ (ebd.) Man sieht, dass nicht von irgendwelchen Riots die Rede ist, sondern vom Staat. Die  S t a a t s g e w a l t  ist der Geburtshelfer jeder neuen Gesellschaft. Sie half dem Kapitalismus, sie muss auch der Anderen Gesellschaft helfen. Das heißt, es muss gelingen, die Staatsgewalt noch ein weiteres Mal intellektuell zu reformieren. Eine bloße „Machtübernahme“ ohne solche Reform kann man sich schenken.

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Marx hat sich dafür interessiert, wie es zum „Scheidungsprozess“ kam, nicht aber für die intellektuelle Reform, jedenfalls nicht was England betrifft. Ich will es nachtragen und dabei von einem Satz bei Nicos Poulantzas ausgehen, der die Marxsche Denkweise getreulich nachbildet, indem er ebenfalls unterstellt, dass es präkapitalistischen Kräften gelang, die Staatsmacht zu „benutzen“: Die „Machtausübung“ der „Bourgeoisie“, schreibt Poulantzas, „vollzieht sich […] über die Besitzer von Grundrente (die Whigs), wobei diese Grundeigentümer lange Zeit […] als autonome Fraktion der Bourgeoisie und als gesellschaftliche Kraft fungieren.“ (Politische Macht und gesellschaftliche Klassen, 2. Aufl. Frankfurt/M. 1975, S. 169) Dass Grundeigentümer schon am Ende des Feudalismus eine „Fraktion der Bourgeoisie“ sein können, klingt paradox, ist aber durch die Marxsche Erklärung der Grundrente gedeckt, die uns jetzt nicht zu interessieren braucht. Bedenkenswert ist aber der Hinweis auf die Whigs. In der Tat, wenn nicht eine veritable Partei mitgespielt hätte, eben die der Whigs, hätte sich die Staatsmacht schwerlich „benutzen lassen“. Und die Whigs wiederum waren wohl die Handschuhe „dieser Grundeigentümer“?

Das waren sie nicht. Zunächst einmal war das gar keine Partei von Grundeigentümern. Eine Grundeigentümer-Partei waren viel eher die Tories, bei denen sich außerdem der anglikanische Klerus hervortat, „während die Whigs […] vornehmlich aus den Reihen der Dissenters und Kaufleute ihre Anhänger rekrutierten und das Verfassungssystem programmatisch auf das Gemeinwohl zuordneten“. Aristokraten, Grundeigentümer schlossen sich dann beiden Parteien an und wurden auf beiden Seiten Parteiführer. Der Unterschied lag nicht nur in der Klassenbasis, sondern wurde ausgefochten als Gegensatz zwischen staatlicher und privater Religion sowie auch, wie es „zeitüblich“ war, „zwischen Royalisten und Patrioten“. (Günter Barudio, Das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung, Frankfurt/M. 1981, S. 350 f.). Zuerst unter Georg I., ab 1714, stellten die Whigs den Premierminister. Man kann nicht sagen, sie hätten den „Staat benutzt“, waren sie doch selbst ein Teil des Staates. Man kann aber auch nicht sagen, die Grundrentner oder auch die Kaufleute hätten die Whigs benutzt, vielmehr war es deren Tat, solche Klassen(fraktionen) unter einem „patriotischen“ Programm allererst zusammenzuschließen.

Sie waren der intellektuelle Faktor. Die Partei stand für ein starkes Parlament mit Widerstandsrecht im Sinne John Lockes, der ein Whig war. Es ist nun überhaupt interessant zu sehen, welche Intellektuelle Whigs waren: zum Beispiel John Milton und Isaac Newton, später auch Charles Darwin. Ob auch John Toland dazu gehörte, jener Mitbegründer der Freimaurer-Bewegung, von dessen Deismus und Spinozismus meine Erörterung über den intellektuellen Entstehungsfaktor des Kapitalismus ausgegangen war (vgl. 25. Notiz), weiß ich zwar nicht zu sagen. Er war aber jedenfalls ein Schüler von Locke, und er veröffentlichte die erste Gesamtausgabe von Miltons Werken sowie auch eine Biografie dieses Dichters.

Wenn wir hier einen Naturwissenschaftler wie Newton in seiner Eigenschaft als Parteimensch und somit als „Staatsagent“ auftreten sehen, dann bekommen wir einen Eindruck, wie dieser Staat dafür, dass Handwerker-Unternehmer und Wissenschaftler zusammenfanden und -wirkten, um qualifiziertere Produkte, folglich einen Aufschwung des Handels und im Endeffekt die Industrielle Revolution zu erreichen, besonders günstige Bedingungen schuf (vgl. 15. Notiz).

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Marx, wie gesagt, hat sich mit dieser Seite der Sache nicht befasst. Obwohl wir gesehen haben, dass es in der Logik seines Denkens liegt, die naturwissenschaftliche Verankerung ebenso wie die Verankerung in einem wohlwollenden Staat zu dem zu zählen, was den „Kapitalismus im Allgemeinen“ ausmacht (vgl. 17. Notiz), hat er selbst nur zur Staatsrolle ein paar Bemerkungen hinterlassen und auch nur sie für spätere Forschungen vorgemerkt. Wahrscheinlich ist das kein Zufall, sondern hängt mit einer starken Wissenschaftsgläubigkeit zusammen, die besonders in den Grundrissen sehr deutlich wird. Gerade in der Passage, die wohl überhaupt die wichtigste in seinem Gesamtwerk hinsichtlich einer historischen Würdigung des Kapitals ist, hat er praktisch einfach gegenübergestellt, dass der Kapitalismus die Produktivkräfte entwickelt, zu denen sich der Kommunismus dann „wissenschaftlich“ verhält – abgesehen davon, dass ihm schon der Kapitalismus selber ein großartiges „Explorieren der ganzen Natur“ bedeutet, was „die Entwicklung der Naturwissenschaft daher zu ihrem höchsten Punkt“ einschließt (Ausg. Berlin 1953, S. 312). Wissenschaftlich war das Gegenteil von religiös: Darüber, dass Wissenschaftler oft beides zugleich sind und dass also die Fragen, die von der Forschung beantwortet werden, religiöse Fragen sein können (vgl. 29. Notiz), dachte Marx nicht nach.

Ich möchte diese Passage, die auch noch in anderer Hinsicht interessant ist, hier zitieren, in voller Länge und obwohl sie in keiner veröffentlichungsreifen Sprache notiert ist. Sie steht füglich am Ende meiner Ausführungen zur Entstehung des Kapitalismus:

„Die große geschichtliche Seite des Kapitals ist[,] diese  S u r p l u s a r b e i t  [d.h. die den Mehrwert hervorbringt], überflüssige Arbeit vom Standpunkt des bloßen Gebrauchswerts, der bloßen Subsistenz [d.h. Selbsterhaltung der Arbeitenden] aus, zu  s c h a f f e n , und seine historische Bestimmung ist erfüllt, sobald einerseits die Bedürfnisse soweit entwickelt sind, dass die Surplusarbeit über das Notwendige hinaus selbst allgemeines Bedürfnis ist, aus den individuellen Bedürfnissen selbst hervorgeht, – andrerseits die allgemeine Arbeitsamkeit durch die strenge Disziplin des Kapitals, wodurch die sich folgenden Geschlechter durchgegangen sind, entwickelt ist als allgemeiner Besitz des neuen Geschlechts, – endlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, die das Kapital in seiner unbeschränkten Bereicherungssucht und den Bedingungen, worin es sie allein realisieren kann, beständig voranpeitscht, soweit gediehen ist, dass der Besitz und die Erhaltung des allgemeinen Reichtums einerseits nur eine geringe Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft erfordert und die arbeitende Gesellschaft sich wissenschaftlich zu dem Prozeß ihrer fortschreitenden Reproduktion, ihrer Reproduktion in stets größrer Fülle verhält; also die Arbeit [aufgehört hat], wo der Mensch in ihr tut, was er Sachen für sich tun lassen kann“. (S. 231)

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Abgesehen vom „wissenschaftlichen Verhältnis zur Reproduktion“ ist zum einen bemerkenswert, dass Marx die „strenge Disziplin des Kapitals“ hier noch lobt, während er dann im Kapital, ich habe es eingangs zitiert, einen Tonfall der Empörung anstimmt, um die „grotesk-terroristische[n] Gesetze“ zu beklagen, durch welche ein „zum Vagabunden gemachte[s] Landvolk […] in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert“ worden sei. Das war Populismus, denn wie wir sehen, fand er es in Wahrheit gar nicht „grotesk“.

Überhaupt trägt manches, was Marx im Kapital über das Elend der Arbeiterklasse schreibt, populistische Züge. Man braucht nur in Karl Schlögels Buch Terror und Traum, München 2008, zu lesen, wie es den Arbeitern bei der Industrialisierung unter Stalin erging, um zu sehen, dass die englischen Arbeiter um 1800 nicht in allem, was sie betraf, schlechter gestellt waren als die sowjetischen des Jahrs 1937. Es wird indessen auch im Kapitel über die „ursprüngliche Akkumulation“ deutlich genug, dass Marx die Auflösung des Landvolks und seine „Brandmarkung“ zur Disziplin für historische Notwendigkeit hielt, kritisiert er doch in schärfsten Worten die Produktionsweise der Kleinbauern: „Diese Produktionsweise unterstellt Zersplitterung des Bodens und der übrigen Produktionsmittel. […] Sie verewigen wollen hieße […] ‚die allgemeine Mittelmäßigkeit dekretieren‘. […] Sie muss vernichtet werden, sie wird vernichtet. Ihre Vernichtung […] bildet die Vorgeschichte des Kapitals.“ (MEW 23, S. 789 f.) Sie muss vernichtet werden! Wer denkt da nicht ans Schicksal der „Kulaken“.

Zum andern ist bemerkenswert, dass Marx dem Kapital „unbeschränkte Bereicherungssucht“ vorhält, jedoch auch dem Kommunismus, dieser „wissenschaftlichen“ Produktionsweise, eine „Reproduktion in stets größrer Fülle“ voraussagt. Daraus könnte nun leicht geschlossen werden, dass es eine „Sucht“ gibt, „stets größer“ zu werden, in der sich Kapitalismus und Kommunismus gar nicht unterscheiden sollen. Doch das wäre eine Fehlinterpretation, wie sich aus anderen Passagen ergibt. Marx schreibt später, das Kapital verhalte sich „zu jeder Grenze seiner Selbstverwertung […] als Schranke“, die es „ins Maßlose“ zu übersteigen trachte, die Kehrseite davon sei aber, dass es „den Menschen selbst [.] vereinseitigt, limitiert, etc.“ Es hat  i n s o f e r n  „die Tendenz [..], die Produktivkräfte zu beschränken“, daran gemessen nämlich, dass der Mensch selber „die Hauptproduktivkraft“ ist. (S. 324 f.) Noch später wird deutlich, was ein „unlimitierter“ Mensch wäre: keiner, der nun seinerseits „ins Maßlose“ strebt; es geht vielmehr um die „reichste[.] Entwicklung der Individuen“ (S. 439), die das Kapital, obwohl oder weil es eine unendliche Bewegung ist, gerade nicht ermöglichen kann.

In der nächsten Notiz versuche ich mich am lange angekündigten Projekt: dieser Unendlichkeit auf derselben hohen Abstraktionsstufe das bessere Gegenprinzip zu konfrontieren.